T01-KV-Diagramm-und-Logikminimierung

KV-Diagramm und Logikminimierung

Zusammenfassung

Die zweistufige Logikminimierung sucht für eine Boolesche Funktion ein Polynom (DNF) mit minimalen Kosten. Das KV-Diagramm (Karnaugh-Veitch) ist eine grafische Methode, um Primimplikanten zu bestimmen — durch Erkennen maximaler Teilwürfel (Blöcke aus 1en). Es ist die in der Klausur verlangte Methode; Quine-McCluskey liefert zwar dieselben Ergebnisse, wird aber explizit nicht akzeptiert.

Exam-Relevanz

  • Aufgabe 1 (A1) in der Klausur: 16 Punkte — "KV-Diagramm & Primimplikanten"
  • Sowohl in der Exam-Klausur (WS 2024/25) als auch in der probeklausur (SoSe 2026) ist A1 identisch aufgebaut
  • Punkteverteilung: a) 7P, b) 2P, c) 5P, d) 2P
  • Was verlangt wird:
    • a) KV-Diagramm ausfüllen + Primimplikantenmenge als reduziertes Polynom angeben (7P)
    • b) Gegeben ist ein Primimplikant (--11), die fehlenden zwei Primimplikanten angeben (2P)
    • c) Primimplikantentafel ausfüllen, wesentliche Primimplikanten bestimmen, reduzierte Tafel, minimales Polynom (5P)
    • d) (2P — entfällt oder ist Teil von c)
  • Wichtiger Hinweis aus der Klausur: "Es wird nach einem KV-Diagramm verlangt! Wenn Sie statt dessen Quine-McCluskey verwenden gibt es keine Punkte!"
  • Beide Klausuren sind nahezu identisch — dieses Thema ist STABIL
  • Hinweis aus Blatt 8: Für KV-Diagramme in der Klausur werden 4 Buntstifte benötigt (damit die Blöcke lesbar sind)

Kernkonzepte

Literale, Monome, Polynome

Definition (Literal): Ein Literal einer Booleschen Funktion ist (positives Literal, auch ) oder (negatives Literal, auch ), wobei eine Eingangsvariable ist.

Definition (Monom): Ein Monom ist eine Konjunktion von Literalen, in der kein Literal mehrfach vorkommt und nicht sowohl als auch für dieselbe Variable. Außerdem ist ein Monom.

  • ist ein Monom
  • ist kein Monom (Variable positiv und negativ)
  • ist kein Monom (Literal doppelt)

Definition (Minterm): Ein Monom heißt vollständig oder Minterm, wenn jede Variable entweder als positives oder negatives Literal vorkommt. Der zu gehörende Minterm ist:

mit und .

Definition (Polynom / DNF): Eine Disjunktion von paarweise verschiedenen Monomen heißt Polynom (auch disjunktive Normalform, DNF). Sind alle Monome vollständig, heißt es kanonische DNF (KDNF).

Kanonische DNF bestimmen

Für ist die Erfüllbarkeitsmenge (ON-Menge):

Die KDNF ist gegeben durch:

Beispiel: mit 3 Variablen.

0 0 0 1
0 0 1 1
0 1 0 0
0 1 1 0
1 0 0 0
1 0 1 1
1 1 0 1
1 1 1 1

Kostenmaße

Sei ein Monom. Die Kosten sind die Anzahl der Literale: .

Primäre Kosten : Anzahl der verschiedenen Monome (Zeilen im PLA):

Sekundäre Kosten : Anzahl der benötigten Transistoren im PLA:

Kombiniertes Kostenmaß : gilt genau dann, wenn

  • , oder
  • und

Implikanten und Primimplikanten

Definition (): gilt, wenn . (Wenn an einer Stelle 1 ist, dann auch .)

Definition (Implikant): Ein Implikant von ist ein Monom mit .

Definition (Primimplikant): Ein Primimplikant von ist ein maximaler Implikant von , d.h. es gibt keinen Implikanten von mit .

Veranschaulichung durch Würfel:

  • Ein Implikant ist ein Teilwürfel, der nur markierte Knoten (1er) enthält.
  • Ein Primimplikant ist ein maximaler Teilwürfel mit dieser Eigenschaft — er kann nicht weiter vergrößert werden, ohne einen 0-Knoten einzuschließen.

Lemma: Die Monome eines Polynoms von sind alle Implikanten von .

Satz (Quine's Primimplikantensatz): Jedes Minimalpolynom von besteht ausschließlich aus Primimplikanten von .

Monome als Teilwürfel

Ein Monom der Länge (mit Literalen) in Variablen entspricht einem -dimensionalen Teilwürfel:

Blockgröße (KV) Dimension Literale im Monom
4-dim 0 (Konstante 1)
oder 3-dim 1
2-dim 2
oder 1-dim 3
0-dim 4 (Minterm)

Größerer Block weniger Literale günstiger.

KV-Diagramm

Aufbau

Das KV-Diagramm für Variablen ist eine -Tabelle. Für : -Tabelle.

  • Zeilen und Spalten sind in Gray-Code beschriftet:
  • Gray-Code: benachbarte Zellen unterscheiden sich in genau einem Bit
  • Der Rand wickelt sich (Torus-Topologie): die erste und letzte Zeile/Spalte sind ebenfalls benachbart

Standardlayout für 4 Variablen ( Zeilen, Spalten):

00 01 11 10
00
01
11
10

Schritt-für-Schritt: KV-Diagramm ausfüllen

  1. ON-Menge in Minterme übersetzen: Jede Belegung ist ein Minterm wobei der Dezimalwert von ist.
  2. Minterme in das Diagramm eintragen: Trage an der entsprechenden Position eine ein, überall sonst (oder leer).
  3. Maximale Blöcke finden: Suche nach rechteckigen Blöcken aus 1en der Größe (mit ), die so groß wie möglich sind.
  4. Primimplikanten ablesen: Jeder maximale Block ist ein Primimplikant. Die Variablen, die im Block konstant sind, bestimmen das Monom.

Block finden → Monom bestimmen

Für einen Block der Größe :

  • Betrachte alle Variablen, die für den gesamten Block denselben Wert haben
  • Variable ist → positives Literal
  • Variable ist → negatives Literal
  • Variable wechselt im Block → taucht nicht im Monom auf

Beispiel: Ein -Block über den Zellen (Zeilen 00 und 10, Spalten 00 und 10):

  • wechselt (0 und 1) → fällt weg
  • (konstant) →
  • wechselt (0 und 1) → fällt weg
  • (konstant) →
  • Monom: (Kurzform: -0-0)

Wichtig: Block muss maximal sein!

Ein Block ist nicht prim, wenn er in einen größeren Block eingebettet werden kann. Man muss immer prüfen, ob der Block noch vergrößert werden kann (durch Hinzufügen benachbarter Zeilen/Spalten), ohne eine 0 einzuschließen.

Worked Example: Klausuraufgabe A1

Gegeben (aus Exam und probeklausur):

In Binär (): .

Schritt 1: KV-Diagramm ausfüllen

00 01 11 10
00 1 0 1 1
01 0 0 1 0
11 0 0 1 0
10 1 0 1 1

Schritt 2: Maximale Blöcke finden

Block 1 — Spalte 11 (alle 4 Zeilen):

  • konstant; wechseln
  • Monom: (Kurzform: --11)
  • Maximal? Spalte 10 hat → nicht erweiterbar ✓

Block 2 — Zeilen 00 und 10, Spalten 10 und 11:

  • Zeilen 00 und 10 sind benachbart (Torus: für beide)
  • konstant; wechseln
  • Monom: (Kurzform: -01-)
  • Maximal? Erweiterung auf 4×2 würde Spalte 10 vollständig benötigen →

Block 3 — Zeilen 00 und 10, Spalten 00 und 10:

  • konstant; wechseln
  • Monom: (Kurzform: -0-0)
  • Maximal? Erweiterung auf 2×4 würde Spalte 01 benötigen →

Schritt 3: Prüfen, ob alle 1en überdeckt sind

Minterm Block 1 (--11) Block 2 (-01-) Block 3 (-0-0)
(0000)
(0010)
(0011)
(0111)
(1000)
(1010)
(1011)
(1111)

Alle 1en sind überdeckt. Es gibt genau 3 Primimplikanten.

Anteil a): Reduziertes Polynom aller Primimplikanten:

Anteil b): Gegeben ist --11 (). Die zwei fehlenden Primimplikanten sind:

  • -01- ()
  • -0-0 ()

Anteil c): Primimplikantentafel — siehe T02-Primimplikanten-und-Ueberdeckungsproblem.

Zweites Beispiel: Blatt 06, Aufgabe 5

Gegeben:

KV-Diagramm:

00 01 11 10
00 1 1 0 0
01 1 1 1 1
11 1 0 1 1
10 1 0 0 1

Primimplikanten (6 Stück — Hinweis: "mehr als 5"):

# Block Kurzform Monom Größe
1 Zeile 01, alle Spalten 01--
2 Spalte 00, alle Zeilen --00
3 Zeilen 01,11 × Spalten 10,11 -11-
4 Zeilen 11,10 × Spalten 00,10 1--0
5 Zeilen 00,01 × Spalten 00,01 0-0-
6 Zeilen 01,11 × Spalten 00,10 -1-0

Typische Fehler beim KV-Diagramm

  1. Nicht-maximale Blöcke: Ein Block, der vergrößert werden könnte, ist kein Primimplikant. Immer prüfen, ob der Block noch wachsen kann.
  2. Gray-Code vergessen: Benachbarte Zellen unterscheiden sich in genau einem Bit. Zeile 00 und 10 sind benachbart (Torus!), ebenso Spalte 00 und 10.
  3. Torus-Topologie übersehen: Ränder wickeln sich. Ein Block kann über den Rand hinausgehen.
  4. Zu viele Primimplikanten angegeben: Jeder Block, der in einem größeren enthalten ist, ist kein Primimplikant.
  5. Kurzform-Notation: Position 1 = , Position 2 = , Position 3 = , Position 4 = . - bedeutet "don't care".

Wichtige Formeln

Blockgröße → Literale: Monom mit Literalen -dimensionaler Teilwürfel

Typische Klausuraufgabe

Die Klausuraufgabe A1 hat folgenden Aufbau:

  1. ON-Menge gegeben als Menge von Mintermen (z.B. )
  2. Leeres KV-Diagramm muss ausgefüllt werden (-Tabelle)
  3. Primimplikantenmenge als Polynom angeben
  4. Teil b): Ein Primimplikant ist gegeben, die fehlenden müssen ergänzt werden
  5. Teil c): Primimplikantentafel ausfüllen → wesentliche Primimplikanten → reduzierte Tafel → minimales Polynom

Vorgehen in der Klausur:

  1. Minterme in Dezimalzahlen umrechnen (falls als Binär gegeben)
  2. KV-Diagramm mit 1en füllen (Kurzform: an Position )
  3. Mit Buntstiften maximale Blöcke einzeichnen (jede Farbe = ein Primimplikant)
  4. Für jeden Block das Monom ablesen (konstante Variablen → Literale)
  5. Polynom aufschreiben
  6. Primimplikantentafel aufstellen (siehe T02-Primimplikanten-und-Ueberdeckungsproblem)
  7. Wesentliche Primimplikanten finden (Spalte mit nur einem ✓)
  8. Reduzierte Tafel aufstellen, ggf. "Leer" schreiben
  9. Minimales Polynom = wesentliche Primimplikanten + ggf. weitere aus reduzierter Tafel

Häufige Fallstricke:

  • Quine-McCluskey verwenden → 0 Punkte!
  • Blöcke nicht maximal → falsche Primimplikanten
  • Torus-Adjazenz übersehen → Blöcke zu klein
  • Kurzform-Notation falsch (Position 1 = , nicht )

Übungsblätter

Blatt Was geübt wird Schwierigkeit Link
Blatt 6 KV-Diagramm für 4-Variablen-Funktion, Primimplikanten finden, Kosten berechnen Mittel Blatt06
Blatt 7 PLA ablesen, Hypercube zeichnen, KV-Diagramm, ein Schritt QM Mittel Blatt07
Blatt 8 Hinweis: 4 Buntstifte für KV in der Klausur Blatt08
Blatt 9 KV für Funktion mit OFF-Menge (14 Minterme!), quienny-Tool Schwer Blatt09
Blatt 10 KV mit QM vergleichen, Kosten berechnen Mittel Blatt10

Quellen

Priorität

Höchste Priorität — A1 ist stabil, 16P, und rein methodisch lösbar. KV-Diagramm muss sitzen wie Multiplizieren. Übe mindestens 3 verschiedene Funktionen komplett durch (KV → Primimplikanten → PIT → Minimalpolynom).